Herr Dr. Wolke, wie steht es um den Erfindergeist bei thyssenkrupp?

Stephan Wolke: Insgesamt sehr gut. Die Kreativität in den Segmenten von thyssenkrupp ist hoch. Leider werden nicht alle guten Ideen als Erfindung und patentwürdig erkannt und an uns oder die Patentkoordinatoren der Gesellschaften gemeldet. Es könnten also noch mehr Meldungen sein.

Zum Beispiel ...?

Stephan Wolke: Nun, wir haben unglaublich findige und produktive F&E-Mitarbeiter, Entwickler und Erfinder in der Unternehmensgruppe. Manche halten ihre Erfindungen aber für zu normal und kommen gar nicht auf die Idee, sie von uns prüfen zu lassen. Hier darf es ruhig etwas mehr Selbstbewusstsein sein. Wir prüfen gerne jede gute Idee auf ihre Patentwürdigkeit.

War das bei thyssenkrupp schon immer so? Also, dass Ideen auch im frühen Stadium geprüft werden?

Stephan Wolke: Im Prinzip ja. thyssenkrupp legt grundsätzlich großen Wert auf den Schutz geistigen Eigentums. Allerdings haben wir vor einigen Jahren mit der Einführung des zentralen Patentwesens dafür gesorgt, dass herausragende Erfindungen auch systematisch in Patente gegossen und angemeldet werden. Das waren in der Vergangenheit teilweise über 2000 Patente pro Jahr, die wir angemeldet haben.

Während der Corona-Pandemie hatten wir allerdings einen deutlichen Rückgang zu verzeichnen – auch hier fehlte einfach das kollaborative Element. Erfindungen entstehen durchaus beim Zusammensitzen oder manchmal auch an der Kaffeemaschine. Aber die Zahl der Erfindungen und damit auch der Patentanmeldungen steigt in letzter Zeit wieder. Wir sind zwar noch nicht ganz auf dem Niveau vor Corona, aber wir bewegen uns darauf zu. Besonders erfreulich ist, dass eine Reihe unserer Zukunftsthemen in den letzten Monaten sehr gut mit vielen Schutzrechten abgesichert werden konnten.

Welche Erfindung war für thyssenkrupp im vergangenen Jahr besonders wichtig?

Stephan Wolke: Wir kommen beim Schutz unserer Zukunftsthemen sehr, sehr gut voran. Neben den Megathemen Nachhaltigkeit und Digitalisierung ist hier vor allem Wasserstoff zu nennen. Bereits heute halten wir im Bereich Wasserstoff Patente zu unterschiedlichsten Themen entlang der gesamten grünen Wertschöpfungskette – von der Erzeugung von grünem Wasserstoff über dessen Zwischenspeicherung und Rückgewinnung bis hin zum Verbrauch von grünem Wasserstoff bei der Herstellung grüner Produkte wie Green Steel und Green Cement. Und ständig kommen neue Patentanmeldungen hinzu.

So entstehen zum Beispiel bei thyssenkrupp nucera viele neue Erfindungen im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung von Anlagen zur Erzeugung von grünem Wasserstoff. Derzeit schützen rund 20 Patente und Patentanmeldungen Themen wie das Zelldesign, Einheiten und Module des Elektrolyseurs sowie Verfahren zum Betrieb der Anlage. Aber auch zum Thema Green Ammonia wurden im vergangenen Jahr wertvolle Erfindungen gemacht – vorrangig von thyssenkrupp Uhde. Dabei geht es um die Herstellung von grünem Ammoniak, das im Vergleich zu Wasserstoff wesentlich einfacher und auch über weite Strecken transportiert werden kann. Aber auch für die Rückgewinnung von Wasserstoff aus Ammoniak haben wir für thyssenkrupp Uhde Patente angemeldet.

Von großer Bedeutung sind in den Schwerpunkttechnologien auch Erfindungen zur Vermeidung von CO2-Emissionen. Insbesondere die CO2-intensive Zementindustrie arbeitet derzeit an mehreren Entwicklungen zur Emissionsreduzierung. Green Cement" ist hier das Schlagwort und Ziel zugleich.

Und bei thyssenkrupp Steel wird neben dem erfolgreichen Projekt Carbon2Chem intensiv an der Herstellung von Green Steel durch Direktreduktion mit Wasserstoff gearbeitet. Beide Themen haben also die Vermeidung von CO2-Emissionen zum Ziel und sind inzwischen durch neue Patente gut abgesichert.

Darüber hinaus stellt thyssenkrupp Automotive Technology Erfindungen im Zusammenhang mit Lösungen vor, die sich für die Integration in Fahrzeuge mit Elektroantrieb eignen. thyssenkrupp Presta Steering und thyssenkrupp Dynamic Components arbeiten hier an einigen patentwürdigen Ideen.

Last but not least entstanden und entstehen in nahezu allen Segmenten von thyssenkrupp verschiedenste Erfindungen im Themenfeld Digitalisierung: Cloud-basierte IoT-Lösungen bei carValoo gehören ebenso dazu wie Predictive-Maintenance-Lösungen bei Industrial Components und der Einsatz von künstlicher Intelligenz in vielfältiger Weise.

In all diesen Bereichen haben wir im vergangenen Jahr mehr als 300 neue Patente angemeldet, aus denen später Patentfamilien werden – ein Plus von 16 Prozent gegenüber 2021.

Wie viele Patente und Marken hält thyssenkrupp insgesamt?

Stephan Wolke: thyssenkrupp hält 15.713 Patente, das sind sechs Prozent mehr als im Vorjahr (14.760). Hinzu kommen weltweit 9.484 Markenschutzrechte, die wir erstellen und betreuen.

Persönlich freue ich mich, dass wir im vergangenen Jahr in einer Reihe von Patentverfahren erfolgreich waren und 12 von 13 Einspruchsverfahren für uns entscheiden konnten. Dies ist übrigens auch eine wichtige Aufgabe der Patentabteilung. Jedes Jahr legen wir zahlreiche Einsprüche gegen Patente von Wettbewerbern ein, die aus Sicht von thyssenkrupp nicht hätten erteilt werden dürfen. Darüber hinaus konnten wir unsere Konzernmarke gegen eine Vielzahl von Nachahmern - insbesondere in China - erfolgreich verteidigen oder Schadensersatzansprüche geltend machen.

Warum ist eine zentrale Stelle für IP-Schutz bei thyssenkrupp wichtig?

Stephan Wolke: Oberste Priorität hat immer der Schutz der Innovationen unserer Unternehmensgruppe und ihrer Gesellschaften. Wir nennen das effektiven IP-Schutz.

Mangelndes Patentbewusstsein und fehlende Patente können dazu führen, dass wir teure Lizenzen von anderen Unternehmen erwerben müssen oder uns sogar Produkteigenschaften oder Produktionsverfahren untersagt werden. Ein ausreichender Patentschutz stellt sicher, dass wir über genügend Patentsubstanz verfügen. Dieses kann eine abschreckende Wirkung auf Wettbewerber haben, kann für Kreuzlizenzen genutzt werden oder auch an andere Marktteilnehmer lizenziert werden. Es ist also sehr wichtig für das Kerngeschäft. Als zentrale IP-Abteilung versuchen wir, genau dieses Patentbewusstsein zu schärfen, Synergien zwischen den einzelnen Gesellschaften und Querschnittstechnologien zu heben und IP-Risiken ganzheitlich zu vermeiden, die von den einzelnen Geschäften vielleicht nicht direkt erkannt werden.

Patente leisten aber auch einen konkreten Wertbeitrag, indem sie unsere Gesellschaften bei der Ausübung ihrer Geschäfte bestmöglich unterstützen. Patente ermöglichen es den thyssenkrupp Gesellschaften, ungestört zu produzieren, was sie wollen und wie sie es wollen. Darüber hinaus zwingen sie Wettbewerber zu teuren Umgehungslösungen oder sorgen dafür, dass nur wir ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Eigenschaft darin verkaufen dürfen. Das sichert sowohl der thyssenkrupp Unternehmensgruppe als auch den einzelnen thyssenkrupp Unternehmen wichtige Wettbewerbsvorteile.

Eine weitere Aufgabe unserer Patentabteilung ist es, diesen Schutz so effizient wie möglich bereitzustellen. Dies erreichen wir vor allem durch eigene Patentanwälte und die Beauftragung externer Kanzleien, die zentral gesteuert und hinsichtlich der Qualität ihrer Arbeitsergebnisse überwacht und verglichen werden.

Darüber hinaus stellen wir sicher, dass alle markenrechtlich verwendeten Bezeichnungen wie thyssenkrupp, Bilstein, Uhde, Polysius oder unsere zahlreichen Produktmarken in allen relevanten Ländern geschützt sind. So beugen wir Angriffen Dritter vor. Gegen Nachahmer unserer Marken oder Firmennamen, aber auch gegen Domainverletzungen, die im vergangenen Jahr deutlich zugenommen haben, gehen wir weltweit gezielt vor. Damit schützen wir nicht nur unser Image, sondern auch unsere Kunden, die immer häufiger durch gefälschte Webseiten und Phishing-E-Mails finanziell geschädigt werden.

„Beides, die Bereitstellung eines effektiven Patentschutzes durch Schaffung von Aufmerksamkeit für Patente und die effiziente Erbringung der Dienstleistung, ist nur in einer eigenen zentralen IP-Abteilung möglich. Eigene IP-Abteilungen gibt es übrigens in allen größeren Unternehmen oder Unternehmensgruppen im In- und Ausland.“

Patente ermöglichen es den thyssenkrupp Gesellschaften, ungestört zu produzieren, was sie wollen und wie sie es wollen. Darüber hinaus zwingen sie Wettbewerber zu teuren Umgehungslösungen oder sorgen dafür, dass nur wir ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Eigenschaft darin verkaufen dürfen. Das sichert sowohl der thyssenkrupp Unternehmensgruppe als auch den einzelnen thyssenkrupp Unternehmen wichtige Wettbewerbsvorteile.

Dr. Stephan Wolke
CEO thyssenkrupp Intellectual Property GmbH

Was passiert mit einem Patent, wenn der Erfinder thyssenkrupp verlässt?

Stephan Wolke: Das Patent bleibt Eigentum der thyssenkrupp Gesellschaft, die es angemeldet hat. Den Rahmen dafür setzt in Deutschland das Arbeitnehmererfindergesetz. Danach gehören alle Erfindungen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während ihrer Zeit bei thyssenkrupp, auch in ihrer Freizeit, und auch einige Zeit nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit uns machen, dem jeweiligen thyssenkrupp Unternehmen.

thyssenkrupp honoriert Erfindungen über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus. So erhalten unsere Erfinderinnen und Erfinder in Deutschland zeitnah nach der Erfindungsmeldung eine sogenannte Erfinderprämie in Höhe von 1.000 Euro. Hinzu kommen weitere Vergütungen, wenn die Erfindung später genutzt wird und wirtschaftlich erfolgreich ist.

thyssenkrupp honoriert Erfindungen über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus. So erhalten unsere Erfinderinnen und Erfinder in Deutschland zeitnah nach der Erfindungsmeldung eine sogenannte Erfinderprämie in Höhe von 1.000 Euro. Hinzu kommen weitere Vergütungen, wenn die Erfindung später genutzt wird und wirtschaftlich erfolgreich ist.

Dr. Stephan Wolke
CEO thyssenkrupp Intellectual Property GmbH

Wie werden Erfindungen bei thyssenkrupp gefördert?

Stephan Wolke: Das ist eine sehr gute Frage. Zunächst ist es wichtig, das Bewusstsein für den wirtschaftlichen Nutzen von Patenten bei Mitarbeitern und Führungskräften zu schärfen. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen reduzieren wir mit einem ausreichenden Patentschutz das Risiko, das ohne Schutz bestehen würde - also zum Beispiel verklagt zu werden und in der Folge etwas nicht oder nicht so produzieren zu können, wie wir es geplant haben, oder hohe Lizenzzahlungen leisten zu müssen. Auf der anderen Seite geben uns Patente die Möglichkeit, bestimmte Produkte oder deren Eigenschaften als Einziger zu verkaufen oder mit bestimmten Verfahren zu produzieren. Der dadurch erzielte zusätzliche Umsatz führt direkt zu Gewinnen aus Patenten.

Das haben viele Manager und Führungskräfte bei thyssenkrupp erkannt. Mein Team und ich freuen uns, dass unsere drei Patentbotschaften in vielen Business Units angekommen sind und aktiv in die Belegschaft kommuniziert werden.

Wie lauten denn die drei Patentbotschaften?

Stephan Wolke: Protect, Repect und Detect. Die erste Botschaft „Protect“ steht für die Ermutigung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, uns technische Erfindungen zu melden und damit das, was wir haben, durch Patente zu schützen. „Respect“ ist die zweite Botschaft. Sie sensibilisiert uns dafür, in unseren Entwicklungsprozessen sicherzustellen, dass wir auf keinen Fall andere bestehende Patente verletzen. Das kann sehr teuer werden, durch späte Änderungen, Lizenzgebühren oder Produktionsstopp. Und die dritte Botschaft „Detect“ fordert alle Mitarbeitenden auf, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und uns zu helfen, Patent- oder auch Markenverletzungen aufzudecken. Das kann im Internet geschehen, aber auch auf Messen, beim Besuch von Servicetechnikern oder beim Kauf von Konkurrenzprodukten. Die Möglichkeiten sind hier natürlich in jedem thyssenkrupp Unternehmen unterschiedlich.

Danke, Herr Dr. Wolke, für das Interview.

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