Herr Lopez, gerade ist viel los im Unternehmen, Ende der Woche ist die Hauptversammlung von thyssenkrupp in Bochum. Erstmals seit Corona wieder in Präsenz, Sie treffen viele Aktionärinnen und Aktionäre – darunter auch viele Mitarbeitende und Ehemalige...

Ganz genau. Und ehrlich gesagt freue ich mich drauf. Denn es ist immer besser, miteinander zu reden als übereinander.

Direkter Austausch ist mir sehr wichtig, deshalb mache ich das so oft wie möglich: Ich treffe unsere Mitarbeitenden vor Ort in Essen und unterwegs bei meinen Standortbesuchen und spreche mit ihnen bei einem Kaffee über das, was sie bewegt. Wir haben bei Führungskräftetreffen der Top 500 und mehrmals der Top 150 über Ziele und Vorgehen gesprochen. Und diese Woche bei unserer Hauptversammlung dann endlich zum ersten Mal direkt mit unseren Eigentümerinnen und Eigentümern. Ich bin mir sicher, dass es viele Fragen und vermutlich auch einige Sorgen geben wird. Denn es sind schwierige Zeiten für unser Unternehmen, für unser Land und auch weltweit. Da geht nichts über das direkte Gespräch.

Zu Jahresbeginn haben Sie einige ziemlich skeptische Aussagen in Interviews gemacht: So, wie die letzten Jahre könne es nicht weitergehen, jetzt sei der Moment „Stopp“ zu sagen. Warum so drastische Worte?

Ich bin offen und transparent und möchte nicht um die Dinge herumreden, sondern klar sagen, was ist. Kaum eines unserer Geschäfte ist so erfolgreich, dass es genug Geld verdient, um seine eigene Zukunft zu sichern – und das schon seit Jahren. Eine Haltung nach dem Motto „Irgendwer sorgt schon für uns, wenn wir es selbst nicht schaffen“ wäre brandgefährlich. Wer sollte das denn sein? Wir müssen aus eigener Kraft investieren und wachsen können – Geschäft für Geschäft. Daran müssen wir mit aller Intensität arbeiten.

Sie waren gerade einige Tage in den USA – mit was für Eindrücken kommen Sie zurück nach Essen?

Einerseits mit sehr positiven: Wir sind dort sehr willkommen und haben ausgezeichnete Möglichkeiten, mit unseren Geschäften dort weiter zu wachsen – für die Geschäfte von Decarbon Technologies, aber zum Beispiel auch für Automotive Technology. Die US-Industrie setzt ganz klar auf Partner aus der westlichen Welt. Da öffnen sich für unsere Vertriebe echte zusätzliche Chancen.

Andererseits gibt es auch einen weniger positiven Eindruck aus meinen Gesprächen mit Investoren – und der zog sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche: Wir müssen endlich liefern und haben die Geduld unserer Eigentümerinnen und Eigentümer seit Jahren stark strapaziert. Sie wollen endlich wieder sehen, dass sich ihre Investitionen in thyssenkrupp auszahlen.

Viele Mitarbeitende treibt das aber sicherlich weniger um als die Sorge, ob APEX nicht zu übermäßigem Druck auf Kosten und Arbeitsplätze führt oder wie die weitere Dekarbonisierung beim Stahl gelingen kann.

Das ist verständlich – und jeder dieser Fragen stelle ich mich. Aber im Grunde gibt es keinen Widerspruch zwischen den Interessen der Mitarbeitenden und der Aktionärinnen und Aktionäre: Denn nur ein gesundes Unternehmen kann in die Zukunft investieren, gute Einkommen zahlen und Dividenden ausschütten. APEX leistet hierbei einen wichtigen Beitrag. Und was die Dekarbonisierung beim Stahl angeht: Das ist ein Kraftakt, der uns viel abverlangt. Aber Ziel und Zeitplan kommen von der Politik, und deswegen ist das auch nicht ohne öffentliche Unterstützung machbar. In dieser industriepolitisch extrem wichtigen Frage gibt es übrigens eine große Übereinstimmung zwischen dem Vorstand, unseren Betriebsräten und der IG Metall.   

Herr Lopez, ein Thema bewegt die Menschen in Deutschland und auch die thyssenkrupp Mitarbeitenden in diesen Wochen besonders: das Erstarken der AfD und der offen zur Schau gestellte Ausländerhass...

Das treibt auch mich ganz massiv um. Wir wollen und wir dürfen dazu nicht schweigen und tun es auch nicht. Es geht längst nicht nur darum, dass übelste Flüchtlings- und Ausländerabwehrphantasien dem Ansehen Deutschlands als Wirtschaftsstandort schaden. Sondern es geht um viel mehr: nämlich um die Grundwerte unserer freiheitlichen Demokratie und jeder humanen Gesellschaft. Die AfD schadet Deutschland. Das sage ich deutlich – und ich freue mich über alle, die sich dieser unsäglichen Entwicklung und Verrohung entgegenstellen. Niemand sollte sich aus Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik dazu verleiten lassen, den Feinden von Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit den Weg zu bereiten.

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